Meine Meisterin

Wenn Licht an war, war geöffnet, war sie da, so wirkte es von weitem. Da waren die Theke, die Stühle, Spiegel und Girlanden. Preisaushänge zeigten, was es kostet, gut auszusehen. Die zurechtgemachten Frauen und Männer auf den Postern lachten mich an. Alles war bereit. Sie musste kurz raus und gleich zurück sein. Vielleicht ließ sie es als Effekt an. Oder sie vergaß es. Da schwang eine Tür auf. Sie trat herein. Da war die Toilette und sie war wieder weg. Da war die kleine Küche, und sie war wieder weg, die Waschmaschine und sie war wieder weg, da war ein Trockner und sie war wieder da. Sie wusch Handtücher, Umhänge und Bezüge, das eine oder andere Top oder Oberteil. Ich wendete mich ab, um nicht aufzufallen. Sobald ich wegging, fürchtete ich nicht mitzubekommen, wann sie den Laden verließ. Sie machte nicht zu, obwohl es Zeit war. Ich ging in eine andere Richtung mit der gleichen Sorge. Es blieb an. Manchmal war alles aus. Der Stoffdekor hing wie zufällig und elegant, aber verlassen. Ich fasste ihn beinahe an und hatte eine Vorstellung, wie er sich anfühlte. Die schönen Frauen und Männer auf den Plakaten lockten mich mit ihrem Lächeln. Ich fiel fast über einen Heizkörper, den ich wegen der Spiegelung auf dem Schaufenster spät entdeckte. Ich stand förmlich auf den Fliesen. Ihre Topfpflanzen. Von einer hatte sie Geschenkpapier abgestreift, um die Blätter freizulegen. Überall Dekor und Zierrat. Wann brachte sie das? Wie kam das herein? Ich hatte sie nie den Laden betreten sehen. Ich sah mich in einem Spiegel, wie ich durch das Glas hereinschaute und bildete mir ein, sie hinter der spiegelnden Scheibe an der Kasse zu sehen. Neben dem Eingang ein Poster mit einem Adonis. Auf der Rückseite eine Schönheit. Ich hielt die Hand über die Augen. Nicht, dass ich mir die Nase stieß. Die Männer und Frauen lachten. Ich lehnte mit den Handkanten am Glas, die Zeigefinger an den Stirnecken und die Daumen am Kinn. Auf einem Aufkleber der Innung las ich eine Jahreszahl. Nicht lange her. Meisterbetrieb. Sie ist die Meisterin! Das Preisangebot für einen Wochentag zum Kennenlernen. Derselbe Name auf allen Plakaten und ein anderer an der Tür. Vom Hof fiel das Morgenlicht durch ein kleines vergittertes Fenster und schien die Fugen entlang. Ich entdeckte hinten den Tisch mit den glänzenden Verpackungen der Pflegeprodukte. Ein Kopf! Nein, eine Kopfstütze. Die Spiegel gaben das Stillleben der Einrichtungsgegenstände wieder. Sie schienen umsonst angeschafft und aufgestellt worden zu sein. Hier war vorher ein Blumenladen.


Leseprobe, zunächst bis hierhin



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